Stolpersteine e.V.

Sedanstraße 2

Hedwig

Gutmann

Hedwig Hartmann wurde am 27. Dezember 1885 geboren. Sie heiratete Ignaz Gutmann im Jahr 1911. Das Paar lebte zusammen in der Sedanstraße 2 in Memmingen. Sie hatten zwei Söhne: Walter, geboren 1912, und Wilhelm Heinrich, geboren 1924.

Hedwig war freireligiös, ihr Mann Ignaz jüdischen Glaubens. Gemeinsam mit einem Schwager und einem weiteren Teilhaber betrieb Ignaz eine Strumpfwarenfabrik in Memmingen. 1938 wurde die Familie gezwungen, den Betrieb einzustellen – auf direkten Druck des damaligen Bürgermeisters Dr. Berndl.

Vertreibung aus dem eigenen Zuhause

Im Dezember 1938 musste die Familie ihre Wohnung in der Sedanstraße aufgeben. Das Haus, in dem sie bis dahin frei und selbstbestimmt gelebt hatten, wurde später abgerissen, als der Kaufhauskomplex gebaut wurde. Die Familie wurde zwangsweise in sogenannte „Judenhäuser“ eingewiesen, zunächst in der Moltkestraße, dann in der Weberstraße und schließlich in der Zangmeisterstraße.

Hedwigs Kampf um die Ausreise

In dieser Zeit wuchs die Verfolgung und Bedrohung für jüdische Menschen und ihre Familien stetig. Hedwig Gutmann versuchte mit großer Entschlossenheit, die Ausreise ihrer Familie nach Brasilien zu organisieren. Alle nötigen Papiere lagen bereits vor. Was fehlte, war das Geld für die Überfahrt.

Sie wandte sich mehrfach schriftlich an den evangelischen Pfarrer Johannes Zwanziger in München, der eine Hilfsstelle für verfolgte Protestanten leitete, so zum Beispiel in einem Brief vom 5. Januar 1940. Auch der Memminger Pfarrer Emmert unterstützte ihr Anliegen. Doch die kirchliche Hilfsstelle wollte nur Hedwig helfen, nicht ihrem jüdischen Mann Ignaz. Für ihn, so hieß es, sei der jüdische Hilfsverein zuständig.

Hedwig wies darauf hin, dass Mischehen laut einer Regierungsvorschrift nur eine einzige Hilfsstelle ansprechen durften. Ihre Antwort blieb unbeantwortet. Der bürokratische Zuständigkeitsdschungel zerstörte alle Hoffnung auf eine gemeinsame Ausreise.

Auch für ihre Söhne verlief die Geschichte tragisch: Der ältere, Walter, war bereits 1934 als sogenannter „Halbjude“ nach Brasilien ausgewandert und starb dort kurz darauf an Malaria. Der jüngere, Wilhelm Heinrich, wollte 1939 ebenfalls nach Brasilien fliehen, scheiterte jedoch. 1942 lebte er noch gemeinsam mit seinen Eltern in Fellheim. Trotz seines Status als „Halbjude“ wurde er im selben Jahr als Marinesoldat eingezogen.

Zwangsübersiedlung und Deportation

Am 18. Mai 1942 musste die Familie Gutmann nach Fellheim umsiedeln. Hedwigs Ehe mit Ignaz bot ihm zunächst einen gewissen Schutz vor der Deportation – denn Männer in sogenannten „Mischehen“ mit einer nicht-jüdischen Frau wurden zeitweise verschont.

Doch am 22. Februar 1945, kurz vor Kriegsende, wurde auch Ignaz Gutmann deportiert – zusammen mit Hugo Günzburger und Theodor Grünfeld – in das Ghetto und KZ Theresienstadt im heutigen Tschechien.

Überleben und Rückkehr

Ignaz Gutmann überlebte Theresienstadt. Im Juli 1945 kehrte er nach Memmingen zurück. Er und Hedwig lebten fortan in der Hohenstaufenstraße. Ignaz Gutmann starb 1958, Hedwig Gutmann 1966.
Ihr jüngerer Sohn Wilhelm Heinrich heiratete 1950 in Memmingen.

KZ Theresienstadt

Theresienstadt war kein gewöhnliches Konzentrationslager. Die SS nutzte es als sogenanntes „Vorzeige-Ghetto“ und ließ dort sogar einen Propagandafilm drehen, der im Ausland gezeigt wurde, um die Berichte über die systematische Vernichtung der Juden zu widerlegen. Auch dem Internationalen Roten Kreuz wurde das Lager präsentiert.

In Wirklichkeit herrschten dort katastrophale Lebensbedingungen: Von rund 140.000 Inhaftierten starben etwa 35.000 vor Ort, die meisten anderen wurden in Vernichtungslager weiter im Osten deportiert.

Quellen

Fix, Karl-Heinz: Glaubensgenossen in Not. Die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern und die Hilfe für aus rassischen Gründen verfolgte Protestanten. Eine Dokumentation. Gütersloh 2011

Gespräche mit der Enkelin Frau Vogel anlässlich der Verlegung der Stolpersteine für Ignaz und Hedwig Gutmann am 08.10.2024

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